Mythos-Check

Blähende Lebensmittel in der Stillzeit: Der hartnäckigste Still-Mythos

Stimmt nicht

Nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand verursachen blähende Lebensmittel wie Kohl, Zwiebeln oder Bohnen beim Baby keine Blähungen. Die Gase, die in deinem Darm entstehen, gelangen nach heutigem Forschungsstand nicht in deine Muttermilch. Dein Baby reagiert auf seinen eigenen, noch unreifen Darm — nicht auf dein Mittagessen.

„Lass das mit den Hülsenfrüchten, davon kriegt der Kleine Bauchweh" — diesen Satz hört fast jede stillende Mutter mindestens einmal. Meist von der eigenen Mama, manchmal von der Hebamme, oft aus dem Internet. Gut gemeint, klingt logisch — und ist trotzdem falsch.

Den großen Zusammenhang, was über deine Ernährung tatsächlich beim Baby ankommt, findest du im Leitfaden Ernährung in Schwangerschaft & Stillzeit: Was beim Baby ankommt.

Woher der Mythos kommt

Der Gedanke ist nachvollziehbar: Du isst Kohl, bekommst selbst Blähungen — und kurz darauf zieht dein Baby die Beinchen an und schreit. Die Verbindung scheint auf der Hand zu liegen. „Was bei mir bläht, bläht bestimmt auch beim Baby."

Dazu kommt das Timing. Die meisten Babys haben in den ersten drei bis vier Monaten Phasen mit Bauchweh, Quengeln und scheinbar unstillbarem Schreien — völlig unabhängig davon, was du isst. Wenn du dann am Vortag Linsen gegessen hast, hast du sofort einen vermeintlichen Schuldigen. Und beim nächsten Mal lässt du die Linsen weg.

Genau hier entsteht der Trugschluss: Die Schreiphasen kommen und gehen ohnehin in Wellen. Lässt du ein Lebensmittel weg und es wird zufällig besser, fühlt es sich nach Beweis an. War's das wirklich? Meist nicht — aber das Gefühl bleibt.

Und das ist menschlich. Wenn dein Baby leidet und du nicht weißt, warum, suchst du nach etwas, das du kontrollieren kannst. Das eigene Essen ist der naheliegendste Hebel. Wer diesen Mythos geglaubt hat, ist nicht naiv — sondern eine Mutter, die alles richtig machen will.

Was die Wissenschaft sagt

Schauen wir uns an, was anatomisch wirklich passiert — denn da löst sich der Mythos in Luft auf, im wahrsten Sinne.

Die Gase, die nach einer Portion Kohl in deinem Bauch entstehen, sind ein Abfallprodukt. Bakterien in deinem Dickdarm zersetzen die Ballaststoffe, dabei bilden sich Gase wie Methan. Diese Gase haben nur zwei Wege nach draußen: Du pupst sie aus — oder sie werden ins Blut aufgenommen und über die Lunge abgeatmet. Es gibt schlicht keinen anderen Weg.

Was es nicht gibt: einen Weg vom Darmgas in die Brustdrüse. Gase wandern nicht durchs Blut in die Muttermilch. Fachgesellschaften wie die DGE sehen einen vorsorglichen Verzicht auf blähende Lebensmittel in der Stillzeit als nicht notwendig an, da Darmgase nach derzeitigem Kenntnisstand nicht in die Muttermilch übergehen.

Wenn nicht dein Essen, was dann? Die Antwort steckt im Bauch deines Babys selbst. Der Säuglingsdarm ist noch unreif. Er lernt gerade erst, mit Verdauung, Luftschlucken beim Trinken und der eigenen Darmbewegung umzugehen. Dieses System ist in den ersten Monaten schlicht noch nicht eingespielt — und das macht sich mit Luft im Bauch, Ziehen und Unwohlsein bemerkbar. Wenn dein Baby weint, reagiert es auf seinen eigenen Verdauungsprozess, nicht auf deinen Kohl.

Wie sich die Verdauung und das Mikrobiom deines Babys in den ersten Monaten entwickeln und stabilisieren, schauen wir uns im Cluster rund um Darm & Immunsystem deines Babys genauer an.

Eines stimmt allerdings: Manche Aromastoffe gehen tatsächlich in die Milch über und verändern ihren Geschmack leicht — etwa Knoblauch oder schwarzer Pfeffer. Aber: Das löst beim Baby keine Beschwerden aus. Im Gegenteil, dieses sanfte Geschmackstraining bereitet dein Baby auf die spätere Familienkost vor. Es ist also kein Grund zum Weglassen, sondern eher ein kleiner Bonus.

Dass auch Gerüchte über andere Lebensmittel hartnäckig kursieren — Zitrusfrüchte machen angeblich den Po wund, scharfes Essen sei tabu — und warum auch das so nicht stimmt, liest du in unserem Überblick zu den häufigsten Stillmythen.

Was bedeutet das für dein Baby?

  • Du darfst Kohl, Zwiebeln, Knoblauch und Hülsenfrüchte bedenkenlos essen. Nach aktuellem Kenntnisstand verursachen sie beim Baby keine Blähungen.
  • Iss vielfältig — gerade Gemüse und Hülsenfrüchte liefern dir wertvolle Nährstoffe, die du in der Stillzeit gut gebrauchen kannst.
  • Bei Bauchweh beim Baby liegt die Ursache fast immer im noch unreifen Säuglingsdarm — nicht auf deinem Teller.
  • Streich nichts vorsorglich von deinem Speiseplan. Unnötiger Verzicht macht dein Essen einseitiger, ohne dem Baby zu helfen.
  • Wenn dein Baby anhaltend stark schreit oder du dir Sorgen machst, sprich mit eurem Kinderarzt oder eurer Hebamme — statt selbst Lebensmittel zu eliminieren.

Kurz gesagt: Du musst dir nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob das Curry oder die Bohnensuppe schuld waren. Sie waren es nicht.

Mythos Urteil Begründung in einem Satz
„Kohl, Zwiebeln & Hülsenfrüchte beim Stillen geben dem Baby Blähungen" 🔴 Stimmt nicht Die Gase aus dem mütterlichen Darm gelangen nicht in die Muttermilch — Babys Bauchweh kommt vom eigenen, noch unreifen Verdauungssystem.

Quellen

  1. Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Ernährung in der Stillzeit.

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